phæno die Baustelle

Bereits im Wettbewerb erregte die phæ no-Architektur international Aufsehen – ihre Umsetzung erweitert nun die Grenzen des Machbaren. Sie ist die größte Baustelle in Europa, die Selbstverdichtenden Beton in großem Umfang einsetzt und verdient gleich unter mehreren Gesichtspunkten auch das Prädikat „innovativste Baustelle Europas“.

Vor allem die ungewöhnliche Geometrie des Gebäudes und ein statisches System mit schwierigsten Parametern erfordern die spezifische Weiterentwicklungen der Bau-, insbesondere der Betontechnik. Diese Aufgabe findet in der Fachwelt große Beachtung und wird phæ no zu einem Referenzobjekt machen.

Schon heute zeichnet sich ab, dass phæ no allein durch die Einführung eines neuartigen Baustoffs, des Selbstverdichtenden Betons, Baugeschichte schreiben wird; vergleichbar vielleicht mir dem ersten Einsatz von Spannbeton. Das Vokabular tatsächlich baubarer architektonischer Formen wird revolutioniert.


Bauen mit Selbstverdichtendem Beton

Ein unauflösbarer Zusammenhang von architektonischer Form und Material zeichnet die Umsetzung des phæ no aus – der Einsatz von Selbstverdichtendem Betons (SVB), hat diese Synthese erst möglich gemacht.

SVB wurde in der Vergangenheit insbesondere in Schweden, den Niederlanden und Japan für die Produktion von Betonfertigteilen oder im Ingenieurbau eingesetzt. Eine Weiterentwicklung der bisherigen Betonbautechnik lag in der Luft; um die Visionen Zaha Hadids umzusetzen, wird sie nun auf der Wolfsburger Baustelle realisiert.

Selbstverdichtender Beton zeichnet sich durch besondere Frischbetoneigenschaften aus, durch eine honigartige Fließfähigkeit und eine geringe Blockierneigung. Er entlüftet ohne Nachverdichtung. Im phæ no wird er für wichtige Bauabschnitte verwendet, zum Beispiel in den kegelförmigen Raumstützen, den Cones mit Betonierabschnitten von mehr als sieben Metern im frei tragenden Erdgeschoss und in der Stahlbetonkassettendecke. In konventionellem Ortbeton wären diese Elemente wegen ihrer geometrischen Form und ihrem Anteil an Bewehrungsmengen nicht umsetzbar.

Die momentan größte SVB-Baustelle in Europa erfordert einen hohen Überwachungs- und Planungsaufwand. Für die Betonage der Arbeitsfugen in der Kassettendecke mussten die Ingenieure ein neues technisches Konzept entwickeln. Die örtlichen Transportbetonwerke haben ihre technische Ausstattung überarbeitet und nachgerüstet.

Ein faszinierender Augenblick im Sichtbetonbau ist das Ausschalen: Erstmals ist eine Kontrolle des über Wochen Geleisteten möglich. Er schließt nach bis zu sechs Wochen Schalungsaufbauzeit einen von Zimmermannsarbeit geprägten Prozess ab. In drei unterschiedlichen Kategorien von Oberflächenqualitäten, nach der Lage im Gebäude abgestuft, werden kleinste Details wie die Nagelung und die Verbindung der Schalung in Wandabwicklungen aller Kegel vorab festgelegt.

Ziel ist ein absolut geschlossenes Gefüge, die scharfkantige Ausführung aller Ecken, die es im weiteren Bauablauf zu schützen gilt, sowie eine porenfreie Oberfläche des Sichtbetons, der als Negativ die raue Brettschalung zeigt. Geometrisch höchst anspruchsvolle Schalungsformen, extrem schräge Flächen mit bis zu 40 Grad Neigung, betonunterspülte Ecken sowie unterschiedliche Neigungswinkel in einem Kegelstumpf stellen die Ausführungsplanung dabei vor immer neue Herausforderungen.

Jeder Cone ist hinsichtlich seiner Formgebung ein Unikat. Eine Nacharbeit ist praktisch nicht möglich.


Die "Tisch mit zehn Füßen"-Statik

Das mit dem einfachen Bild „Tischplatte mit zehn Füßen“recht treffend umschriebene statische System ist vor allem durch extrem große Deckenüberstände und erhebliche Spannweiten gekennzeichnet.

Die kegelförmigen Gebäudeteile (Cones) im Erdgeschoss werden durch die Hauptdecke nicht nur baulich, sondern auch statisch miteinander verbunden und stützen sich gegenseitig über die durchlaufende Deckenscheibe. Die unregelmäßige Geometrie der Körper hätte ohne die Decke eine starke Verformung zur Folge, so dass eine individuelle Standsicherheit nicht gewährleistet ist und nur im vollständig geschlossenen statischen System ein Gleichgewicht entstehen kann.

Auch die spezifische Ausführung der Kassettendecke ist ein gestalterisches Unikat mit allen bautechnischen Konsequenzen. Sie gliedert sich, im Gegensatz zu klassischen Vorbildern, nicht in rechteckige Felder. Vielmehr wird sie in der Untersicht eine diagonal verlaufende Balkenstruktur mit rautenförmigen Zwischenräumen zeigen. Ihre Gesamtgröße, die enormen Spannweiten und die Höhenversprünge im Ausstellungsbereich (Pocket-Bereich) stellen hohe Anforderungen an die Konstruktion und Ausführung, die wiederum nur mit dem Material SVB befriedigend zu realisieren sind.

Ein räumliches Stahltragwerk, das im Grundriss auf einer fächerförmigen Struktur entwickelt wurde und zusätzlich durch Höhenversprünge gekennzeichnet ist, bildet den späteren Dachabschluss. Wie bei den Kegelfüßen im Erdgeschoss ist auch hier jedes Stahlteil ein Einzelstück an seinem Platz, das in Planung und Produktion exakt erfasst werden muss.


...und noch mehr Extras

Auch die Betonfertigteilfassade kennt keinen technisch-gestalterischen Vorläufer. Die Ausführung der Fertigteile als Rauten von bis zu zwölf Metern Länge und vier Metern Breite, versehen mit den charakteristischen, abgerundeten Fensterelementen, wird die Stadtansicht des Gebäudes prägen.

Ein weiteres geometrisches Highlight: die Metall-Glas-Fassade des Eingangs zum Auditorium. Sie wird als dreidimensional (sphärisch) gebogenes Element realisiert. Extreme Scheibengrößen und gewichte von zum Teil mehr als 400 Kilogramm pro Scheibe sowie die gleichzeitig notwendige millimetergenaue Einpassung der Glaselemente fordern von den Fachfirmen überdurchschnittliche Erfahrung und Risikobereitschaft bei Herstellung, Transport und Montage.

Höchste Anforderungen an die Ausführungsqualität wird auch die mit einer Spachtelung versehene Innendämmung stellen, die an fast durchweg gekrümmten Wänden zu montieren ist.

Sicher ist: Wenn die Bauarbeiten Anfang 2005 abgeschlossen sind, wird phæ no bereits Maßstäbe gesetzt haben